Veranstaltungsdetails

18.05.2017 - 19.05.2017

Figura. Ästhetische und mediale Aspekte einer Denkform in der Vormoderne

Interdisziplinäre Tagung

Figura bezeichnet allgemein Gestaltphänomene, die ihre Sinnfülle aus der materiellen und bildlich, sprachlich oder musikalisch geformten Ausprägung ihrer Erscheinungswirklichkeit beziehen. Gehört figura bereits in der Antike zu den zentralen Begriffen der rhetoriktheoretischen Tradition, so gewinnt sie umso mehr in der Patristik und frühen jüdisch-christlichen Exegetik einen eminenten Rang als Konzept sowohl der Bedeutungsgenerierung wie auch der Bedeutungsauslegung. In den rhetorisch-poetologischen und theologisch-philosophischen Diskursen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit steigt figura dann zu einer ebenso schillernden wie wirkungsmächtigen und vielfach beanspruchten Interpretations- und Ausdruckskategorie auf.

Wie das weitere Wortfeld des Begriffs bereits signalisiert (figura – fingere – fictura – effigies etc.), verknüpfen sich mit ihm vielfältige Vorstellungen von der anschaubaren Geformtheit und plastischen Gegenwart jeweils intendierter Sinnbezüge und Bedeutungsgehalte. Unter ihnen kommt insbesondere der christlich-typologischen Aufladung der figura zu einer eschatologisch bestimmten Ankündigungsfigur (praefiguratio), also zu einer Verheißungsfigur zukünftiger Erfüllung, eine maßgebliche und als Denkform vielfältig ausdifferenzierte Funktion zu. Die gesamte geschichtliche Welt mit ihren lebendigen, materialen Gestaltphänomenen wie mit ihren kulturellen Artefakten kann so als Schauplatz eines zur Enthüllung drängenden Offenbarungsgeschehens gedeutet werden.

Im Kern eröffnet der Begriff damit die generelle Frage nach der figuralen Sinnfälligkeit semantischer Implikationen und Besetzungen. Wie in einem Brennglas kristallisieren sich in ihm theoretische Konzepte und künstlerische Praktiken der ästhetischen Bedeutungsgenerierung. Nicht zuletzt wird er dabei auch als ein Substrat für zahlreiche weitere, aktuell in den Kunst- und Kulturwissenschaften diskutierte Denkfiguren erkennbar, etwa denen der Latenz, der Prägnanz oder Intensität, der Faszination, Imagination oder Evidenz etc. Die interdisziplinäre Tagung, an der neben der Kunstgeschichte auch die Theologie und Philosophie, die Literatur- und die Musikwissenschaft beteiligt sind, untersucht vor diesem Hintergrund das Figurale als Denkform und als ein poietisches Prinzip und adressiert dabei besonders Fragen nach dessen ästhetischen und medialen Bedingungen, in einem Spektrum, das von Giottos Arenakapelle bis zu Michelangelos Sixtinischer Decke, von der mittelalterlichen Begriffsreflexion bis zu kolonialen Adaptionen reicht.

Klaus Krüger ist Professor für Kunstgeschichte an der FU Berlin. Fellowships und Gastprofessuren u.a. in Paris, New York, Konstanz, Wien und Rom. Zahlreiche Forschungen zur Theorie und Geschichte des Bildes, zur italienischen Kunst vom Mittelalter bis zum Barock, ferner zur Gegenwartskunst, zu Kunst und Film und zur Methodengeschichte. Veröffentlichungen u.a.: Das Bild als Schleier des Unsichtbaren. Ästhetische Illusion in der Kunst der frühen Neuzeit in Italien (2001); Politik der Evidenz. Öffentliche Bilder als Bilder der Öffentlichkeit im Trecento (2015); Grazia. Religiöse Erfahrung und ästhetische Evidenz (2016); Mitherausgeber der Buchreihen Historische Semantik und Figura. Ästhetik, Geschichte, Literatur.

Anne Eusterschulte ist Professorin für Geschichte der Philosophie an der FU Berlin. Mitglied und Projektleiterin in diversen interdisziplinären Forschungsverbünden. Zahlreiche Forschungen zur Philosophie des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, zur Rezeption der antiken Philosophie in der Geschichte der Philosophie, zur Sozialphilosophie und Ästhetik der Gegenwart, sowie zur Kritischen Theorie, Poetik und Rhetorik. Veröffentlichungen u.a.: Videographierte Zeugenschaft. Ein interdisziplinärer Dialog (Mit-Hg., 2015); Anthropological Reformations – Anthropology in the Era of Reformation (Mit-Hg., 2015); Lucas Cranach der Jüngere und die Reformation der Bilder (Mit-Hg., 2015; Zur-Erscheinung-Kommen. Bildlichkeit als theoretischer Prozeß (Mit-Hg., 2016).

Programm

Donnerstag, 18.05.2017
Moderation: Friederike Wille

9.00
Anne Eusterschulte, Klaus Krüger und Tanja Michalsky:
Begrüßung und Einführung

9.30–11.00
Klaus Krüger (Berlin):
»Giottos Figuren. Ästhetik des Übergangs«

11.00–11.30
Kaffeepause

11.30–12.30
Iris Helffenstein (Berlin):
»Figurales Wissen in Bildallegorien des Trecento. Imitation und Transfer zwischen Padua und Ferrara«

12.30–13.30
Iris Wenderholm (Hamburg):
»Dimensionen der Steinfiktion«

13.30–15.00
Mittagspause

15.00–16.00
Chiara Franceschini (München):
»Appearance of life (Schein-Leben), gradations of reality and liminal figures«

16.00–17.00
Ulrich Pfisterer (München):
»Figuren des Himmels in der Sixtina«

17.00–17.30
Kaffeepause

17.30–18.30
Robert Felfe (Hamburg):
»Figura-Konzepte in der Frühneuzeitlichen Buchgrafik – zwischen antikem Wissen und christlichem Heilsplan«

18.30–19.30
Philipp Stoellger (Heidelberg):
»Das Bild als Figura - zwischen De- und Transfiguration«


Freitag, 19.05.2017
Moderation: Tanja Michalsky

9.00–10.00
Anne Eusterschulte (Berlin)
»Figura prophetica. Theologisch-ästhetische Figurationen prophetischer Bildlichkeit«

10.00–11.00
Bernd Mohnhaupt (Saarbrücken):
»Antijudaismus und Aemulatio. Typologische Bilder im Spannungsfeld zwischen religiösen und ästhetischen Paradigmen«

11.00–11.30
Kaffeepause

11.30–12.30
Thomas Lentes (Münster):
»In umbras figurarum. Die Beschneidung und die Geburt der christlichen figura«

12.30–13.30
Ulrike Schneider (Berlin):
»Die Sibylle: figura und officium. Dimensionen figuralen Wissens (in) der Dichtung«

13.30–14.30
Mittagspause

14.30–15.30
Laurenz Lütteken (Zürich):
»Figur und Rhetorik in der Musik«

15.30–16.00
Kaffeepause

16.00–17.00
Jens Baumgarten (São Paulo):
»Figura: Antônio Vieira - Rhetorik und Ästhetik im Kontext des kolonialen Brasilien«

17.00–18.00
Niklaus Largier (Berkeley):
»Latente Beziehungen: Figur, Plastizität und ›Nachleben‹ bei Warburg und Auerbach«

Adresse

Villino Stroganoff
Via Gregoriana 22
00187 Rom

Kontakt
Anna Paulinyi
+39 0669 993-227
paulinyi(at)biblhertz.it

Veranstaltungsdetails

18.–19. Mai 2017