23.11.2017 - 24.11.2017

Bewahren – aneignen – zerstören. Formen des Umgangs mit dem Alten und Fremden in der Vormoderne

24. Jahrestagung des Brackweder Arbeitskreises für Mittelalterforschung

Die Zerstörung und Plünderung von Teilen der antiken Stadt Palmyra durch den sogenannten IS im Jahr 2015 haben, wie schon die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban 2001, Diskussionen um Möglichkeiten des Wiederaufbaus ausgelöst. Dem Hass der Einen auf das kulturell und religiös Fremde steht die Wertschätzung der Anderen für die historischen und technischen Hinterlassenschaften vergangener Gesellschaften gegenüber – sowie zuweilen die Weigerung, sich mit dem Verlust der historischen Artefakte abzufinden.
Der Umgang mit dem Alten und Fremden ist kulturell bedingt, partiell von Pragmatik bestimmt und keineswegs einheitlich zu fassen. Auch sind ›Altes‹ und ›Fremdes‹ nicht immer klar definierbar. Das tatsächliche Alter eines Objekts mag vom wahrgenommenen abweichen, darüber hinaus ist die Wertschätzung, die dem Alten an sich entgegengebracht wird, von sozialen und zeitlichen Bedingtheiten geprägt und damit historischem Wandel unterworfen. Gleiches gilt für das ›Fremde‹. Die Beschreibungsformen von ›alt‹ und ›fremd‹ können primär als soziale Konstruktionen verstanden werden, mit denen ein Objekt oder ein Gedanke in einer spezifischen historischen Situation eingeordnet wird. Als Zuschreibungen sind sie von den Äußerungen Einzelner abhängig, die dann diskursiv akzeptiert oder zurückgewiesen werden. Es stellt sich also die Frage, was unter welchen Umständen überhaupt als ›alt‹ oder ›fremd‹ aufgefasst und beschrieben wird: In welchem Maß wurde z.B. antikes Wissen über Kosmos und Welt im Mittelalter als ›alt‹ aufgefasst, oder aber Spolien in mittelalterlichen Neubauten? Wurde die kufische Inschrift auf dem Krönungsmantel der römisch-deutschen Könige als ›fremd‹ wahrgenommen – oder überhaupt als Schrift erkannt?
Die hier angerissenen Fragen gelten weniger spezifischen Artefakten, Wissensbeständen oder anderen Abstrakta an sich, sondern den konkreten Zuschreibungen an sie sowie den damit verbundenen Praktiken, die von ehrfürchtiger Musealisierung über pragmatische Nutzung bis hin zu zielgerichteter Vernichtung reichen. Mit den drei Schlagwörtern bewahren, aneignen und zerstören können exemplarisch drei Praktiken des Umgangs mit dem als alt oder fremd Wahrgenommenen benannt werden, die für den praxeographischen Ansatz der Tagung stehen: es sollen nicht die Artefakte selbst, sondern der Umgang mit ihnen im Mittelpunkt stehen: Gab es für spezifische Objekte (Bauten, Schriftstücke etc.) so etwas wie einen bewahrenden Denkmalschutz? Wie verliefen die Diskussionen um die Aneignung antik-heidnischen Wissens im Frühmittelalter, oder aber arabischer Wissenschaftstexte im Hochmittelalter? Inwiefern wurden Bücher gezielt vernichtet, Bauten bewusst zerstört oder aber pragmatisch als Steinbruch genutzt? Ausgehend von konkreten Beispielen sollen auf der Tagung sowohl die zeitgenössischen Zuschreibungen reflektiert als auch die vielfältigen Umgangsformen mit Objekten und Abstrakta diskutiert werden.

PROGRAMM

Donnerstag, 23. November 2017

14:00 h  Tanja Michalsky (Rom): Begrüßung
              Christoph Mauntel (Tübingen): Einführung
Moderation: Christoph Mauntel (Tübingen)
14:30 h  Roland Scheel (Göttingen): Chrysobulls, Relics, Garments: Biographies of Foreign Objects in Medieval Scandinavian Literature
15:30 h  Kaffeepause
16:00 h  Matthias Hardt (Leipzig): Vom Reichtumsanzeiger über die Visualisierung gentiler Überlieferung zum Hacksilber. Über den Umgang mit spätantiken Edelmetallobjekten im frühen Mittelalter
17:00 h  Christiane Elster (Rom): Zum Umgang mit päpstlichen Textilgaben – die Paramente aus Schenkungen Papst Bonifaz‘ VIII. an die Kathedrale von Anagni nach dem Tridentinum

Freitag, 24. November 2017

Moderation: Tanja Michalsky (Rom)
09:00 h  Michael Schonhardt (Freiburg): Von Toledo nach Regensburg – zur Rezeption arabischen Wissens über den Kosmos im 11. und 12. Jahrhundert
10:00 h  Kaffeepause
10:30 h  Simona Slanicka (Bern): Kopernikus’ Revolutionen im Kirchenstaat: Padua und Ferrara als Geburtsorte der heliozentrischen Astrologie
11:30 h  Lukas-Daniel Barwitzki (Zürich): Status bewahren – Ordensregel aneignen – Idee zerstören? Agnes von Ungarn und das Doppelkloster Königsfelden
12:30 h  Mittagspause
Moderation: Philipp Winterhager (Berlin)
13:30 h  Maree Shirota (Heidelberg): Old and Foreign Relations: England’s Neighbours in   Late Medieval Genealogies
14:30 h  Theresa Jäckh (Heidelberg): The old and the new capital: Conquering and incorporating Islamic Palermo
15:30 h  Kaffeepause
16:00 h  Jan Stellmann (Tübingen): Sol kvnst sin verdorben? Das Verhältnis zwischen Albrechts ‚Jüngerem Titurel‘ und Wolfram von Eschenbach
17:00 h  Resümee und Abschlussdiskussion 

Veranstaltungsort /Address/Indirizzo

Villino Stroganoff
Via Gregoriana 22
00187 Rom

Kontakt
Christoph Mauntel (christoph.mauntel(at)uni-tuebingen.de)
Christiane Elster (elster(at)biblhertz.it)

Veranstaltungsdetails

23.–24. November 2017