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Bibliothek

© Andreas Thielemann

Die Geschichte der Bibliothek

Die Sala del Disegno im Palazzo Zuccari, 1922
Die Sala del Disegno im Palazzo Zuccari, 1922

Bereits mit Kauf und Umbau des Palazzo Zuccari (1904–1908) begann Henriette Hertz, unterstützt von Ernst Steinmann, eine Büchersammlung zur italienischen Kunst aufzubauen, die zunächst den Status einer Privatbibliothek hatte. Mit der Gründung des Kaiser-Wilhelm-Instituts »Bibliotheca Hertziana« 1912/1913 wandelte sich ihre Funktion hin zu einer wissenschaftlichen Institutsbibliothek. Als solche steht sie seitdem der internationalen Forschung zur Kunstgeschichte offen, mit Ausnahme zweier kriegsbedingter Schließungen (1914–1919 und 1943–1947). 

Waren die Bücher zunächst in vier Erdgeschoßräumen des Palazzo Zuccari untergebracht, so expandierten die Bestände zusehends auch in die oberen Geschosse und die später erworbenen und teilweise umgebauten Nachbargebäude. Ein 1994 beschlossener und 2003 in Angriff genommener Bibliotheksneubau wurde 2012 fertig gestellt. 

Von den ersten Tagen an waren die Bücher nach Sachgruppen aufgestellt; seitdem wird der Bestand auch sachlich katalogisiert und erschlossen. Weltweit konkurrenzlos ist die seit 1997 gemeinschaftlich realisierte Sacherschließung des Fachverbundes Kunstgeschichte (Florenz–München–Paris–Rom), dessen Verbundkatalog heute ca. 1,6 Millionen Titelnachweise enthält. Seit 2011 ist dieser Fachverbund Teil des Bayerischen Bibliotheksverbundes, mit nach wie vor eigenständigem KUBIKAT-Katalog www.kubikat.org

2007 ging die Webseite »Digitale Bibliothek« online. Sie markierte den Übergang zu einer »hybriden« Bibliothek mit zunehmendem Anteil elektronischer Ressourcen und eigenen Digitalisierungsprojekten.

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1912–1933

Die Sala Terrena im Palazzo Zuccari
Die Sala Terrena im Palazzo Zuccari

Zum Zeitpunkt der Institutsgründung (1913) verfügte die von Ernst Steinmann geleitete Bibliothek über einen Grundbestand von 5000 Bänden und stand einem ausgewählten Fachpublikum offen. Nach der kriegsbedingten Schließung des Institutes (1914–1919) wurde Ludwig Schudt (1920–1961) eingestellt. Als erster wissenschaftlichen Bibliothekar in der Geschichte des Instituts bestimmte er die Geschicke in den kommenden 40 Jahren maßgeblich. Seine Akquisitionen führten die Sammlung der Bibliotheca Hertziana zu wissenschaftlicher Weltgeltung. Bis zum Ende der Amtszeit Steinmanns im Jahr 1934 vermehrte sich der Bestand der Bibliothek trotz finanzieller Engpässe durch Krieg und Inflation auf mehr als 28.000 Bände und auf über 100 laufende Zeitschriften. Der stetige Buchzuwachs führte dazu, daß nach und nach das gesamte Erdgeschoß des Palazzo Zuccari der Freihandaufstellung der Bücher diente. 1930 wurden auch im Vortragssaal im ersten Geschoß Regale eingebaut.

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1933–1953

Auslagerung der Bücher in ein Salzbergwerk in Hallein, Anfang 1944
Auslagerung der Bücher in ein Salzbergwerk in Hallein, Anfang 1944

Von 1933 bis 1943/1944 wurde dem Institut eine Kulturwissenschaftliche Abteilung unter der Leitung von Werner Hoppenstedt angeschlossen (siehe Geschichte des Instituts). Diese vorwiegend propagandistisch operierende Abteilung baute eine eigene Bibliothek auf, die strukturell und qualitativ heterogen war. Außer wissenschaftlicher Literatur (ca. 10.000 Bände) erwarb sie auch nationalsozialistisch gesinnte Trivialliteratur. Die Bibliothek wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst. Die musikwissenschaftlichen Bücher bildeten den Grundstock der 1958/1960 gegründeten Musikgeschichtlichen Abteilung am Deutschen Historischen Institut (DHI) in Rom. 

In der kunsthistorischen Bibliothek hingegen vermehrten sich die Bücher unter dem Direktorat von Leo Bruhns (1885–1957) bis zum Herbst 1943 auf knapp 40.000 Bände. Im Oktober 1936 konnte in der sog. Sala Goethe ein moderner, zweigeschossiger Lesesaal eröffnet werden, der ca. 10.000 Bänden Platz bot.

Bis weit in die Kriegszeit hinein zählte das Institut zahlreiche Besucher. Von Dezember 1943 bis März 1944 wurden die Bestände der Bibliotheken der drei großen deutschen Wissenschaftsinstitute in Rom (Bibliotheca Hertziana, Deutsches Archäologisches Institut, Deutsches Historisches Institut) auf Anordnung aus Berlin in Deutsches Reichsgebiet verfrachtet, die Bände der Hertziana zu einem großen Teil in einem Salzbergwerk bei Salzburg (Hallein) eingelagert. 

Nach Beschlagnahmung der Depots überführten die Alliierten die Bücher zurück nach Rom, wo sie am 1. Februar 1946 vollständig eintrafen. Es dauerte bis zum Frühjahr 1948, bis die Bibliothek den Wissenschaftlern wieder im Palazzo Zuccari offenstand. Die Bücher wurden bis 1953 von der Unione Internazionale degli Istituti di Archeologia Storia e Storia dell’Arte in Roma treuhänderisch verwaltet.

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1953–1993

Der Neubau von Silvio Galizia, Innenaufnahme der Leseräume
Der Neubau von Silvio Galizia, Innenaufnahme der Leseräume

Nach Wiedereröffnung der Bibliotheca Hertziana als Max-Planck-Institut 1953 (s. Geschichte des Instituts) wurde die 1943 weitgehend unterbrochene Erwerbung wieder in vollem Umfang aufgenommen. Schudt überließ seinem Nachfolger Otto Lehmann-Brockhaus (1962–1977) einen Bestand von 60.000 Bänden. Lehmann-Brockhaus führte eine neue Signaturensystematik ein, da das bisherige System aufgrund der enormen Büchermengen an seine Grenzen stieß. Diese Umstellung dauerte bis 1984. Seitdem arbeitet die Bibliothek mit der neuen, beliebig erweiterbaren Aufstellungssystematik

1963 erwarb man den an das Grundstück des ehemaligen Zuccari-Gartens grenzenden Palazzo Stroganoff, in dem seither das Bibliothekspersonal arbeitet. Im gleichen Jahr wurde zwischen Palazzo Zuccari und Palazzo Stroganoff der Neubau eines modernen fünfgeschossigen Bibliothekstraktes begonnen, der an den Palazzo Stroganoff grenzte und mit den beiden von Henriette Hertz errichteten Altbauflügeln verbunden wurde. Zur Eröffnung der neuen Bibliothek im Mai 1969 stand eine beachtliche Stellfläche von 4.260 laufenden Metern zur Verfügung.

Ernst Guldan (1977–1992), der Otto Lehmann-Brockhaus als Bibliotheksleiter folgte, organisierte den Einsatz des Personals neu, auch um die inhaltliche Erschließung der Literatur zu intensivieren. Diese programmatische Verschiebung des Schwerpunktes kennzeichnet die Arbeit der Bibliothek bis heute. Nach Abschluß der Umsignierung war das wichtigste Großprojekt jener Jahre der Titelkartendruck aller Hertziana-Kataloge in insgesamt 57 Bänden. Ausgenommen blieb der alte Sachkatalog, der teils in Bandform mit handschriftlichen Einträgen, teils als Zettelkatalog vorliegt und noch heute für die Suche nach Aufsätzen vor 1985 relevant ist.

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1993– bis heute

Röhrenbildschirm mit Suchmaske des Allegro-OPAC, 1999–2011
Röhrenbildschirm mit Suchmaske des Allegro-OPAC, 1999–2011

Unter dem Bibliotheksleiter Fritz-Eugen Keller (1993–2006) fand die Umstellung der Bibliotheksverwaltung auf EDV statt (Bibliothekssystem »Allegro«). Gleichzeitig gründeten das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, das Kunsthistorische Institut in Florenz und die Bibliotheca Hertziana den kunsthistorischen Bibliotheksverbund, der seitdem in der Formal- und Sacherschließung kooperiert.  Der gemeinsame Online-Katalog KUBIKAT  ist seit 1998 im Netz und hat sich als weltweit größtes bibliographisches Nachweisinstrument für die europäische Kunstgeschichte etabliert. Im Zusammenhang mit der intensiven wissenschaftlichen Sacherschließung entwickelte sich der Fachverbund zu einem der größten Normdatenproduzenten im deutschen Bibliothekswesen. 

1994 entschied man sich für einen Bibliotheksneubau mit Kompaktregalanlagen anstelle der drei statisch und brandschutztechnisch unzureichenden Bibliotheksflügel aus den 1960er Jahren. Für die Bauarbeiten wurde die Bibliothek im Dezember 2001 geschlossen und 70.000 Bände in die GNAM ausgelagert. Der übrige Bestand (knapp 170.000 Bände) verteilte sich auf die Kellermagazine und Stockwerke der Palazzi Zuccari und Stroganoff. In der Museumsbibliothek der GNAM stand bis März 2012 ein Lesesaal zur Verfügung, der es auch externen Benutzern erlaubte, über ein Bestellverfahren Bücher und Zeitschriften zu konsultieren.

Im März 2009 wurde der Verbund der Kunstbibliotheken in Florenz, München und Rom durch die Bibliothek des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris erweitert. Im Juli 2010 trat der Fachverbund dem Bayerischen Bibliotheksverbund (BVB) bei. Durch diesen Schritt wurde der Anschluß an die Entwicklung des modernen Bibliothekswesens gesichert, das vom Datenaustausch und von der kooperativen Anreicherung der Kataloge geprägt ist. Als Plattform hierfür dient seit 2011 das im BVB eingesetzte Bibliothekssystem ALEPH.

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Weiterführende Literatur

Michael Schmitz,
Die Bibliotheksabteilung der Bibliotheca Hertziana – Ihre Entwicklung von der Gründung bis heute, Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft 273 (Berliner Handreichungen), hg. v. Konrad Umlauf, 2010, ISSN: 1438-7662

100 Jahre Bibliotheca Hertziana, Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom. Die Geschichte des Instituts 1913–2013, hg. v. Sybille Ebert-Schifferer und Elisabeth Kieven, München 2012