Historische Räume in Texten und Karten – Eine kognitiv-semantische Analyse von Flavio Biondo’s »Italia illustrata«

In der Forschung der Abteilung III (Michalsky) spielen Fragen nach dem historischen Verständnis des sozialen Raums und seines Wandels im sogenannten langen Mittelalter eine zentrale Rolle. Mit der Untersuchung der Beziehungen zwischen historischen Karten und Texten soll das historische Raumverständnis und das mit ihm verknüpfte Wissen ergründet werden, indem wir Ansätze aus der kognitiven Linguistik aufgreifen. Kognitive Karten bilden kulturspezifisches Raumwissen und Raumpraktiken ab. Dieses Wissen ist in unterschiedlichen Weisen repräsentiert, die sich durch verschiedene Prozesse und Praktiken historisch verändern.

Im erkenntnistheoretischen Fokus stehen daher Fragen der folgenden Art:
Welche Wissensformen bilden räumliche Relationen ab?
Wie lassen sich räumliche Transformationsprozesse darstellen und analysieren?
Welchen Zusammenhang gibt es zwischen kulturspezifischen Praktiken und kognitiven Repräsentationen?
Und wie ist das Verhältnis ganz spezifisch zwischen Texten und Karten?

Um sich diesem Fragenkomplex zu nähern, verbindet dieses Projekt nach dem Ansatz der »Common Sense Geography« kognitiv-semantische Parameter wie Toponyme, Landmarken, räumliche Referenzrahmen, geometrische Relationen, Gestaltprinzipien oder auch unterschiedliche Perspektiven mit computerlinguistischen Analyseverfahren. Anhand neuer Text- und Kartenauszeichnungen und unter Anwendung korpusspezifischer, quantitativer Methoden werden historische Texte aufgearbeitet und neu interpretiert.

Schedelsche Weltchronik

Als erste Fallstudie dient dabei Flavio Biondos (1392–1463) postum erschienenes Werk Italia Illustratata. Flavio Biondo gilt zu Recht als der eigentliche Begründer der archäologischen Wissenschaft und der antiquarischen Topographie. Besonders in seiner Italia Illustrata zieht er in hohem Maß berühmte Autoren der römischen Antike wie Livius, Vergil und Plinius heran. Griechische Autoren wie Strabon und Ptolemaios werden dagegen – trotz der geographischen und topographischen Inhalte und trotz der Intentionen von Biondos Werk – nur spärlich berücksichtigt. Eine Ausnahme bildet das Latium-Buch (Regio Latina), in dem Biondo intensiv eine (bisher unentdeckte) lateinische Übersetzung des Strabon benutzt. Strabons Werk dient Biondo hier nicht nur als Datengrundlage, sondern auch als Strukturprinzip: So benutzt er Strabons hodologische Beschreibtechnik, um anhand der Westküste Italiens und von drei Römerstraßen (Via Appia, Via Latina, Via Valeria) sämtliche latinischen Städte relativ zueinander zu verorten und in eine narrative Struktur umzusetzen. Damit stellt sich insbesondere die Frage in aller Schärfe, ob bei der Abfassung der Italia Illustrata tatsächlich »viele Karten« benutzt wurden, wie die aktuelle Biondo-Forschung (Clavuot u.a.) allgemein annimmt? Da nur wenige Regionalkarten aus dem frühen 15. Jahrhundert erhalten sind und selbst literarische Hinweise auf kartographisches Wissen sich kaum finden lassen, muss dieses Problem in einen größeren Kontext gestellt und es müssen mögliche Alternativen in einem interdisziplinären Zugriff diskutiert werden. Insbesondere ist zu erörtern, welche Strategien Biondo eingesetzt hat, um sein heterogenes Material an historiographischen, geographischen, archäologischen und kunstgeschichtlichen Informationen zu sammeln, zu filtern, aufzubereiten, und in einen für ein zeitgenössisches Publikum »lesbaren« Text zu überführen.

Weil das Latium-Buch innerhalb der Italia Illustrata eine Schlüsselrolle einnimmt, beginnt das interdisziplinäre Projekt mit der Erschließung und Kommentierung der Regio V: Latina. Besonderes Augenmerk gilt dabei – anders als in bisherigen Publikationen zu Biondo, die sich großenteils in Textkritik, biographischen, literarischen und kunsthistorischen Bezügen sowie seinem »Nachleben« erschöpfen – der Rezeption des Strabon, der zeitgenössischen Kartographie, den mentalen Karten, der Identifizierung von Toponymen und dem geographischen Vokabular.

Historische Räume in Texten und Karten (Biondo-Projekt)

Leitung: 
Prof. Dr. Tanja Michalsky

Wissenschaftlicher Koordinator:
PD Dr. Martin Thiering
martin.thiering(at)campus.tu-berlin.de

Assoziierte Mitglieder:
Prof. Dr. Günther Görz
guenther.goerz(at)fau.de
Prof. Dr. Klaus Geus
klaus.geus(at)fu-berlin.de