Ernst Steinmann, Domenico Anderson und »Die Sixtinische Kapelle«

Vor genau 500 Jahren, am 31. Oktober 1512, wurde das Deckenfresko Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle des Vatikan enthüllt. Das Ereignis rief zumindest beim päpstlichen Zeremonienmeister Paris de Grassis keinen besonderen Jubel hervor, wie sein lakonischer Bericht belegt: »Hodie primum capella nostra, pingi finita, aperta est; nam per tres aut quatuor annos tectum sive fornix eius tecta semper fuit ex solari ipsum totum cooperiente.« (Heute wurde zum ersten Mal unsere Kapelle geöffnet, nachdem ihre Gemälde vollendet waren. Denn drei oder vier Jahre lang war ihr Dach oder Gewölbe fortwährend bedeckt, indem ein Gerüst es vollständig verhüllte.)

Die »schwindelnden Gerüste« in der Sixtinischen Kapelle, Aufnahme Domenico Anderson.

Begeisterung hingegen löste eine Enthüllung anderer Art aus, nämlich eine frühe Fotokampagne, die das Werk Michelangelos Kunsthistorikern und Kunstliebhabern in allen Details nahebrachte.

Die erste große Publikation zur Cappella Sistina hat Ernst Steinmann, ab 1912 der Gründungsdirektor der Bibliotheca Hertziana, in den Jahren 1901−1905 verfaßt. Das zweibändige Werk ist mit einem überaus reichen und sehr sorgfältig hergestellten Bildteil ausgestattet, der für die Fotografie und Buchproduktion der Jahrhundertwende eine Herausforderung bedeutete. Für die Herstellung des Prachtbandes Die Sixtinische Kapelle  ließ Steinmann eine anspruchsvolle Fotokampagne durchführen, die im Unterschied zu früheren fotografischen Aufnahmen der Sixtinischen Decke vor allem auch zahlreiche Details der Fresken zeigte. Die »technische Kunstfertigkeit« wurde dabei »auf eine Probe seltener Art gesetzt, denn es galt hier Hindernisse größerer und peinlicherer Art zu überwinden, als sie gemeinhin bei Reproduktionen sich geltend machen« (Henry Thode).

Zwei Putten neben der Delphischen Sybille, Aufnahme Domenico Anderson.

Mit dem aufwendigen fotografischen Unternehmen betraute Steinmann den befreundeten Domenico Anderson, einen der großen Fotografen der Frühzeit der Fotografie in Rom. Dieser führte die Arbeit mit großem persönlichem Einsatz zwischen 1902 und 1904 aus. Steinmann dankt ihm für seine hervorragende Arbeit in der Einleitung zum zweiten Band: »Nicht weniger fühle ich mich dem rühmlichst bekannten römischen Photographen Domenico Anderson verpflichtet. Fast ein Jahr hat er auf schwindelnden Gerüsten in der Sixtina gearbeitet, um die herrlichen Aufnahmen herzustellen, welche dieser Publikation einen Teil ihres originellen Wertes verleihen. Die drei Diapositive für die Tafeln XVIII, XXVII, XXXV hat er gestiftet, um seine Dankbarkeit für den grossen und ehrenvollen, wenn auch gefahrvollen Auftrag in würdiger Weise zu bethätigen.« Von seiner Arbeit auf »schwindelnden Gerüsten« und den Aufnahmen ohne elektrische Beleuchtung schreibt auch Anderson selbst dreißig Jahre später:

Detail eines Ignudo am Thron des Joel, Aufnahme Domenico Anderson.

»Als ich mit der ersten Arbeit an der Decke begann, stand mir nichts anderes als das Sonnenlicht zur Beleuchtung der Fresken zur Verfügung, weshalb so viel Zeit vonnöten war, denn die Lichtstrahlen mußten mit Hilfe von Spiegeln und Reflexen projiziert werden, und die Arbeit außerdem auf einem Holzgerüst unternommen werden, was ein langsames Vorankommen durch die zur Ausführung der einzelnen Teile erforderlichen Verschiebungen mit sich brachte. Zugleich erlaubte die einfache Möglichkeit der Projektion des Lichts aber die vollständige Aufnahme aller Details, die für die Illustration des oben genannte Werks [von Ernst Steinmann] erforderlich waren.« (Originalzitat in italienischer Sprache siehe unten)

Die durch dieses Verfahren erreichte Qualität der Fotografien eröffnete den Kunsthistorikern neue Forschungsgrundlagen. Steinmann dienten sie auch als Vorlagen für die Rekonstruktion der Tagewerke, die er auf den Abzügen einzeichnete und für seine weiteren Untersuchungen umzeichnen ließ.

Fotografien der Ignudi mit Einzeichnungen der Tagewerke und Umzeichungen der Vorlagen.

Aber nicht nur die Fotografien der unter diesen Bedingungen durchgeführten Fotokampagne waren bemerkenswert, sondern auch die Leistung auf dem Gebiet der Reproduktionstechniken ließen die Bände zu Meisterwerken der Buch- und Kunstgeschichte werden.

Die Libysche Sibylle, Probedruck mit Anmerkungen zur Farbgestaltung von Ernst Steinmann, Farbenlichtdruck der Firma Giulio Danesi in Rom.

Dazu Steinmann in seiner Einleitung: »Die fünf Farbtafeln der Mappe dürften sich im Allgemeinen auf der Höhe dessen halten, was mit modernen Mitteln heute in der farbigen Reproduktion geleistet werden kann. Drei Tafeln hat die Verlagsgesellschaft Bruckmann übernommen; die Delphica wurde unter besonderer Leitung des Herrn Geheimrat Roese in der Reichsdruckerei zu Berlin ausgeführt; die Libica ist von der Firma Giulio Danesi in Rom hergestellt worden. Da bei der schwindelnden Höhe der Fresken an der Wölbung der Decke eine mechanische Reproduktion unmöglich war, mussten als Vorlagen aquarellierte Salzkopien dienen, welche der römische Maler Carlo Tabanelli auf einem eigenen Gerüst in der Sixtina nach den Originalen hergestellt hat. Natürlich konnte bei solchem Verfahren nicht überall dieselbe künstlerische Qualität erreicht werden. Es schien daher geboten, dem Farbendruck jedesmal einen Lichtdruck beizugeben.«

Schließlich trug auch Henriette Hertz, die Stifterin der Bibliotheca Hertziana, das ihre zum Gelingen der Monographie Steinmanns bei: »Ganz besondere Verdienste erwarben sich überdies um den zweiten Band Miss Harry Hertz in Rom […]. Miss Harry Hertz erwarb eine Sammlung äusserst wertvoller und zum Teil noch ungedruckter Michelangelo-Dokumente, um sie dem Verfasser zur freiesten Verfügung zu stellen.«

Der Bestand von Fotografien zur Sixtinischen Kapelle wird zur Zeit in der Fotothek der Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, digitalisiert und neu bearbeitet. Die Publikation von Ernst Steinmann sowie einige Fotografien und Lichtdrucke werden im Rahmen einer Ausstellung zur Hundertjährigen Geschichte der Bibliotheca Hertziana zu sehen sein, die am 18. Januar 2013 in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden (SLUB) eröffnet.

Die Erschaffung Adams, Andruck, Farbenlichtdruck der Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G., München, 1903.


Zitate aus:

Ernst Steinmann, Die Sixtinische Kapelle, Bd. 2 Michelangelo, München: Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. 1905.

Henry Thode, Rezension von »Ernst Steinmann, Die Sixtinische Kapelle, Bd. 2: Michelangelo«, Repertorium für Kunstwissenschaft, Bd. 30, 1907, S. 69−88.

Domenico Anderson, »Relazione sul lavoro fotografico del Giudizio Universale di Michelangelo alla Cappella Sistina«, 20. Oktober 1933 (Rom, Bibliotheca Hertziana, Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Archiv): »Quando mi accinsi al primo lavoro della volta non avevo a mia disposizione per l’illuminazione degli affreschi che la luce solare così lungo tempo fu impiegato, dovendo tale luce essere proiettata a mezzo di specchi e riflessi, e dovendosi inoltre adoperare un castello in legname che portava con se un procedere lento per i successivi necessari spostamenti a seconda delle diverse parti da eseguire. Nello stesso tempo però la facile accessibilità di proiezione della luce permise una completa ripresa di tutti i particolari che furono necessari per l’illustrazione dell’opera summenzionata.«

 

Zuletzt geändert: Oktober 2012
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